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| KörperTeile
ein Prosa-Stück
zum Thema "LebensLinien", entstanden für das Literatur-Projekt "tagebau",
(c) Mone Hartman Oktober 2004 |
| Zusteuern auf einen runden Geburtstag.
Und der Sand bleibt nicht an den Fingern kleben.
Sie taut den Kühlschrank ab, Vorbereitung für den Umzug, der am nächsten Tag losgehen wird. Eine andere Wohnung nur, keine neue Stadt, kein neuer Job, aber immerhin, eine kleine... Veränderung (?). Im Eisfach des Kühlschranks immer
noch dieser eisumfrorene Gefrierbeutel, der war ihr bereits bei ihrem letzten
Umzug in die Hände gefallen, fast vergessen, dass sie da noch dieses...
Teil im Eisfach hatte, fast vergessen.
Entsorgung, überlegt sie jetzt, Entsorgung ist kein schönes Wort für das, was ich tun will. Entsorgung findet bei Müll statt, und was ich da loswerden will, ist ja kein Müll, oder gibt es irgendwo Leute, die das so nennen? Sondermüll, etwa? Menschen-Müll, das würde manch einer als immerhin halbwegs zutreffenden Begriff bezeichnen, möglicherweise, klingt aber doch reichlich respektlos. Sie legt den Beutel auf den Küchentisch
und beschliesst, eine geeignete Entsorgungsmethode zu finden für dieses...
KörperTeil.
Jetzt spielt ihr das Gehirn einen Film vor, kurze Sequenzen, hart geschnitten, im Hintergrund ein hämmernder VierViertelTakt, Rammstein vielleicht. Der Film zeigt Blut und Schläuche und Absaugung und Fett und Fleisch / ein Nasenbein in Trümmerung und Blut und Hämmern / eine Brust ganz aufgerissen und Messer / ein Messer rund um's Auge / Stiche Schnitte. In einem der Prospekte dieser Schönheitskliniken
hatte sie gelesen, dass die Eingriffe in Vollnarkose durchgeführt
werden und dass die Narkose üblicherweise mit Morphium oder ähnlichen
Opiaten eingeleitet wird. Einmal in ihrem Leben hatte sie bereits eine
Vollnarkose erlebt, vor Jahren, auch eingeleitet mit Morphium, und das
war schön gewesen, so warm und weich und leicht, und es hatte ihr
die Gedanken um den bevorstehenden Eingriff genommen, Gedankenlosigkeit,
und das hatte ihr derart gefallen, dass sie diesen Zustand später
häufiger herbeigeführt hatte, zu häufig.
Ich sollte mich wirklich endlich davon trennen, endgültig, denkt sie jetzt, das ist Ewigkeiten her, und ich schleppe dieses tote Teil mit mir herum, von Umzug zu Umzug, von Kühlschrank zu Kühlschrank. Sicher, es war mal ein Teil von mir, sozusagen, aber... - Sie fragt sich, ob eine Nasenkorrektur irgendetwas ändern würde. Sie fragt sich, ob der geplante Umzug nicht auch völlig überflüssig ist. Sie denkt, dass sie ja doch nur weiterhin ihre gewohnten Kreise ziehen wird, mit neuer Nase vielleicht und in einer neuen Wohnung, aber- Ihr Blick fällt wieder auf das
Teil, immer noch der Beutel eisumfroren, erste Wassertropfen auf dem Tisch.
Ein runder Geburtstag naht und der Sand bleibt nicht an den Fingern kleben.
Vielleicht ist es das da, auf dem Küchentisch, was mich am Ändern
meiner Kreise hindert, denkt sie; irgendetwas Dunkles hängt über
allem, und ich wie ein Hund mit eingezogenem Schwanz, immer nur im Kreis
herum.
Sie überlegt, welche Art von Entsorgung also angebracht wäre. Sondermüll, also nein. Immerhin wäre das Teil dort Teil eines Menschen geworden, hätte sie es zugelassen. Ein Abbruch war jener Eingriff damals gewesen, im fünften Monat schon, eine Ausschabung, und irgendetwas war schiefgelaufen, ein kleiner, aber deutlich identifizierbarer Teil des Embryos war in der Gebärmutter zurückgeblieben und erst nach drei Tagen beim Urinieren abgegangen. Sie hatte damals zunächst zum Arzt gehen wollen, hatte sich dann aber anders entschieden, und seither also liegt jener Teil eines Kindes, das keins geworden ist, in ihrem jeweiligen Eisfach. Manchmal, nächtens, hört sie eine Kinderstimme, die singt ein trauriges Lied. Ein Bruch, ein Ende, ein Entsorgen
von Altlasten, denkt sie jetzt wieder, und kramt eilig einen
Ein runder Geburtstag naht, und der Sand, er bleibt nicht an den Fingern kleben.
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