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KörperTeile

ein Prosa-Stück zum Thema "LebensLinien", entstanden für das Literatur-Projekt "tagebau", 
Lesung im Englischen Garten / Teehaus, Berlin 15.10.2004

(c) Mone Hartman Oktober 2004

Zusteuern auf einen runden Geburtstag. Und der Sand bleibt nicht an den Fingern kleben.
Sie taut den Kühlschrank ab, Vorbereitung für den Umzug, der am nächsten Tag losgehen wird. Eine andere Wohnung nur, keine neue Stadt, kein neuer Job, aber immerhin, eine kleine... Veränderung (?).

Im Eisfach des Kühlschranks immer noch dieser eisumfrorene Gefrierbeutel, der war ihr bereits bei ihrem letzten Umzug in die Hände gefallen, fast vergessen, dass sie da noch dieses... Teil im Eisfach hatte, fast vergessen.
Es reicht jetzt, denkt sie und wirft die Tür des Kühlschranks fester zu, als nötig wäre.
Das Teil hat jetzt lange genug da drin gelegen, Zeit für eine Entsorgung.
Sie erinnert sich: Damals, als sie ins Ruhrgebiet gezogen war, hatte sie sich für die neue Wohnung auch einen neuen Kühlschrank gekauft. Beim Abtauen des alten Gerätes dieser kleine, eisumfrorene Beutel, der hatte ihr fast einen HerzKrampf beschert: Fast vergessen, aber na klar, weggeworfen hatte sie es bis dahin ja noch nicht, dieses... Teil. Sie hatte kurz überlegt, damals, aber in den Umzugswirren hatte sie ihre Gedanken nicht konzentrieren können, das war nicht die richtige Stimmung, damals, denkt sie jetzt, und: Einfach in eine Mülltonne werfen? Das war ihr zu schäbig erschienen.

Entsorgung, überlegt sie jetzt, Entsorgung ist kein schönes Wort für das, was ich tun will. Entsorgung findet bei Müll statt, und was ich da loswerden will, ist ja kein Müll, oder gibt es irgendwo Leute, die das so nennen? Sondermüll, etwa? Menschen-Müll, das würde manch einer als immerhin halbwegs zutreffenden Begriff bezeichnen, möglicherweise, klingt aber doch reichlich respektlos.

Sie legt den Beutel auf den Küchentisch und beschliesst, eine geeignete Entsorgungsmethode zu finden für dieses... KörperTeil.
Das Wörtchen 'KörperTeil' lässt sie an ihre Nase denken, sie hatte überlegt, sich selbst zu ihrem Geburtstag eine Nasenkorrektur zu schenken, sie mochte ihre Nase nicht, hatte sie noch nie gemocht. Sie hatte sich in den letzten Wochen Prospekte von Schönheitskliniken besorgt und eine ganze Nacht lang damit verbracht, diese zu durchstöbern; am nächsten Morgen hatte sie vor dem Spiegel gestanden in völliger Ratlosigkeit: Welches KörperTeil denn nun zuerst korrigieren? Die Nase auf jeden Fall, die Brust könnte allerdings auch straffer sein, Bauch und Hintern auch, und dann erst diese Augenringe...

Jetzt spielt ihr das Gehirn einen Film vor, kurze Sequenzen, hart geschnitten, im Hintergrund ein hämmernder VierViertelTakt, Rammstein vielleicht. Der Film zeigt Blut und Schläuche und Absaugung und Fett und Fleisch / ein Nasenbein in Trümmerung und Blut und Hämmern / eine Brust ganz aufgerissen und Messer / ein Messer rund um's Auge / Stiche Schnitte.

In einem der Prospekte dieser Schönheitskliniken hatte sie gelesen, dass die Eingriffe in Vollnarkose durchgeführt werden und dass die Narkose üblicherweise mit Morphium oder ähnlichen Opiaten eingeleitet wird. Einmal in ihrem Leben hatte sie bereits eine Vollnarkose erlebt, vor Jahren, auch eingeleitet mit Morphium, und das war schön gewesen, so warm und weich und leicht, und es hatte ihr die Gedanken um den bevorstehenden Eingriff genommen, Gedankenlosigkeit, und das hatte ihr derart gefallen, dass sie diesen Zustand später häufiger herbeigeführt hatte, zu häufig.
Am Ende jenes Eingriffs damals war jedoch dieses Teil übriggeblieben, das da jetzt auf dem Küchentisch liegt, ein Versehen war das gewesen, das hätte nicht passieren sollen, aber selbst in guten Kliniken geht wohl manchmal etwas schief.

Ich sollte mich wirklich endlich davon trennen, endgültig, denkt sie jetzt, das ist Ewigkeiten her, und ich schleppe dieses tote Teil mit mir herum, von Umzug zu Umzug, von Kühlschrank zu Kühlschrank. Sicher, es war mal ein Teil von mir, sozusagen, aber... -

Sie fragt sich, ob eine Nasenkorrektur irgendetwas ändern würde. Sie fragt sich, ob der geplante Umzug nicht auch völlig überflüssig ist. Sie denkt, dass sie ja doch nur weiterhin ihre gewohnten Kreise ziehen wird, mit neuer Nase vielleicht und in einer neuen Wohnung, aber-

Ihr Blick fällt wieder auf das Teil, immer noch der Beutel eisumfroren, erste Wassertropfen auf dem Tisch. Ein runder Geburtstag naht und der Sand bleibt nicht an den Fingern kleben. Vielleicht ist es das da, auf dem Küchentisch, was mich am Ändern meiner Kreise hindert, denkt sie; irgendetwas Dunkles hängt über allem, und ich wie ein Hund mit eingezogenem Schwanz, immer nur im Kreis herum.
Ein Bruch, ein Ende, ein Entsorgen von Altlasten.

Sie überlegt, welche Art von Entsorgung also angebracht wäre. Sondermüll, also nein. Immerhin wäre das Teil dort Teil eines Menschen geworden, hätte sie es zugelassen. Ein Abbruch war jener Eingriff damals gewesen, im fünften Monat schon, eine Ausschabung, und irgendetwas war schiefgelaufen, ein kleiner, aber deutlich identifizierbarer Teil des Embryos war in der Gebärmutter zurückgeblieben und erst nach drei Tagen beim Urinieren abgegangen. Sie hatte damals zunächst zum Arzt gehen wollen, hatte sich dann aber anders entschieden, und seither also liegt jener Teil eines Kindes, das keins geworden ist, in ihrem jeweiligen Eisfach.

Manchmal, nächtens, hört sie eine Kinderstimme, die singt ein trauriges Lied.

Ein Bruch, ein Ende, ein Entsorgen von Altlasten, denkt sie jetzt wieder, und kramt eilig einen
Schuhkarton hervor und beklebt ihn mit schwarzem Seidenpapier.
Ich werde zum Friedhof gehen, beschliesst sie zum Grab der Grossmutter, dort werde ich ein kleines Loch buddeln und hinein mit dem Karton und Blumen drauf.
Das Eis wird schmelzen. Heisse Tränen.

Ein runder Geburtstag naht, und der Sand, er bleibt nicht an den Fingern kleben.